Interview mit Susanne K., der Protagonistin der beiden Bände der Missbrauchsgeschichte „Kindheitshölle: Vom Vater verprügelt und missbraucht“ und „Kindheitshölle: Vom Stiefvater verprügelt und missbraucht“ (erscheint im Juni 2020)

 

Das vorliegende Interview fand zwischen Susanne K. und mir am 02. Mai 2020 statt. Es ist ein Gespräch über unsere Zusammenarbeit, sozusagen ein Interview über unsere Interviews!

Es ist also keines dieser Interviews, wie ich sie mit Susanne in Vorbereitung der Entstehung der beiden Bände „Kindheitshölle“ geführt habe. Die Namensgleichheit ist zufällig.

Es waren 28 Interviews und insgesamt rd. 110 Stunden, in denen mir Susanne K. ihr Leben erzählt hat, angeregt und geleitet durch meine Fragen und Bemerkungen. Zwischendurch haben wir aber auch einfach nur über Gott und die Welt geplaudert, manchmal mussten wir weinen, dann wieder haben wir rumgealbert und uns gegenseitig Textausschnitte und sogar Gedichte vorgelesen, die mit Susannes Erinnerungen im Zusammenhang standen. Außerdem haben wir literweise Cappuccino, Apfelsaft und Wasser getrunken.

Marie A. Böhm: Susanne, du hast mich im Mai 2018 zum ersten Mal angerufen, fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, wie bist du überhaupt auf mich gekommen?

Susanne K.: Ich hatte ein Buch gelesen, dass du für eine Frau geschrieben und für sie bei Amazon veröffentlicht hattest. Im Impressum steht deine Website. Und da mich dieses Buch sehr interessiert hat, es geht um Missbrauch und Gewalt in der Kindheit dieser Frau, dachte ich, ich wende mich einfach mal an diese Adresse. Vielleicht kann man mir zumindest weiterhelfen. Denn ich wollte auch schon lange, dass meine Missbrauchsgeschichte aufgeschrieben wird. Ich hatte sogar schon selbst damit begonnen. Aber ich kam nicht so richtig klar. Bald habe ich dann gemerkt, dass ich das wohl nicht alleine schaffen würde.

Marie A. Böhm: Warum wolltest du eigentlich, dass deine schrecklichen Kindheitserlebnisse aufgeschrieben werden? Und hattest du von Anfang an geplant, deine Erinnerungen zu veröffentlichen?

Susanne K.: Im ersten Teil meiner Erinnerungen, also in der „Kindheitshölle: Vom Vater verprügelt und missbraucht“, erzähle ich ja, dass ich wiederholt als Lügnerin abgestempelt wurde, wenn ich auch nur eine Winzigkeit verraten hatte von all diesen miesen Sachen, die mein Vater mit mir anstellte. Einmal wurde ich von ihm nach so einem „Verrat“ sogar dermaßen brutal zusammengeschlagen, dass ich einige Zeit nicht in die Schule gehen konnte und in meiner Kammer im Keller unseres Hauses versteckt gehalten werden musste. Denn natürlich wollten meine Eltern nicht, dass irgendjemand die vielen Blutergüsse und anderen Verletzungen an meinem Körper entdecken würde.

Später, wenn ich als Jugendliche oder als Erwachsene über meine Kindheitserlebnisse gesprochen habe oder auch nur im Ansatz sprechen wollte, wurde ich meist nur verständnislos angesehen. Wie oft musste ich Sätze hören wie „Warum hast du dir denn keine Hilfe geholt?“ oder „Du hättest doch damals einfach mal zur Polizei gehen können.“ oder „Warum hast du das alles nicht mal deiner Lehrerin erzählt?“

Ich muss sagen, die Leute haben überhaupt keine Ahnung! Was wissen die von der Scham, von der Angst, die ein misshandeltes Kind hat! Was wissen die von all den Lügen, mit denen man ein Kind erpressen und einschüchtern kann. In meinem immerhin schon ziemlich langen Leben habe ich sehr wenige Menschen getroffen, von denen ich den Eindruck haben durfte, dass sie mir meine Kindheitserlebnisse hundertprozentig geglaubt haben. Solche Ausnahmen sind mein jetziger Lebenspartner, die Psychotherapeutin, bei der ich jahrelang in Behandlung war – und nun auch du.

Und das wollte ich ändern. Zumindest hatte ich den Wunsch. Und ein Buch, dachte ich, könnte doch eine Lösung sein. Oder zumindest eine Hilfe. Ich wollte dieses Buch vor allem meiner Verwandtschaft zeigen – meinen Cousinen und Cousins. Denn die Menschen, die damals erwachsen waren, als ich ein Kind war, die sind ja jetzt überwiegend verstorben.

An eine Veröffentlichung dachte ich am Anfang nicht, denn ich hatte ja erst mal keine Ahnung, ob und wie so etwas funktionieren könnte.

Marie A. Böhm: Und was sagst du jetzt, wo Teil 1 der „Kindheitshölle“ bereits veröffentlicht ist?

Susanne K.: Es ist ein tolles Gefühl! Abgesehen davon, dass meine Familie schon sehr gespannt ist auf Teil 2 – und ich natürlich auch – finde ich es einerseits mächtig aufregend, meine eigenen Erlebnisse lesen zu können, andererseits ist es aber auch irgendwie befreiend, ja, richtig wohltuend. Denn bisher lagen die einzelnen Episoden ja über viele Jahrzehnte sozusagen unsortiert in meinem Kopf. Ich wusste oft nicht, wann dies passiert war und wann das. Die eigene Erinnerung kann einem ja hin und wieder einen Streich spielen. Man glaubt, dass es genau so war, aber dann stellt man fest, dass es anders gewesen sein muss, weil es sonst nicht zu dem Übrigen passt. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, meine Kindheit und einen großen Teil meiner Jugend gut sortiert vor mir zu sehen, ich kann nun alles hübsch ordentlich, also chronologisch betrachten und bewerten. Für mich ist das ganz wunderbar, ich empfinde es als Erleichterung, nicht immer wieder aufs Neue grübeln zu müssen, wie sich denn dies und das nun tatsächlich abgespielt haben könnte.

Marie A. Böhm: Wie waren denn bisher die Reaktionen deiner Verwandtschaft auf deine Aufzeichnungen über den sexuellen Missbrauch in deiner Familie?

Susanne K.: Die fielen ziemlich gemischt aus. Mein Bruder, der in den Erinnerungen Thomas heißt, war tief erschüttert. Er hatte wohl manches geahnt, aber er war viel zu klein, um sich damals ein richtiges Bild von all dem Grauen machen zu können. Meine Schwester dagegen findet es unpassend und richtig schlimm, dass ich mit dieser Angelegenheit an die Öffentlichkeit gegangen bin. Wir sind deshalb zwar nicht zerstritten, aber wir führen häufig Auseinandersetzungen über die Sache. Doch ich habe die Hoffnung, dass sie ihre Meinung vielleicht mal ändert. Meine Zwillingsbrüder scheinen sich nicht so besonders für all das zu interessieren. Das wäre ja alles schon so lange her, heißt es. Der Vater sei tot, der Stiefvater sei tot, man könne niemanden mehr zur Verantwortung ziehen. Und deshalb könne man das Ganze eigentlich auch auf sich beruhen lassen. So ähnlich denkt auch einer meiner Cousins. Und die eine Cousine spricht kein Wort mehr mit mir, seit sie die Kindheitshölle Teil 1 gelesen hat. Aber insgesamt finde ich doch, dass die positiven Reaktionen überwiegen. Die kommen aber meist aus meinem unmittelbaren Umfeld.

Marie A. Böhm: Was war eigentlich das schrecklichste Erlebnis, das du während des Entstehungsprozesses deines Erinnerungsbuches hattest?

Susanne K.: Das war definitiv der Tag, an dem ich dir mein erstes Missbrauchserlebnis mit meinem Vater erzählt habe, also das Ereignis, mit dem alles begann. Das fand ich richtig schlimm, ich weiß noch, dass ich mich sogar total geschämt habe. Aber von da ging es leichter und leichter, das hätte ich nicht gedacht.

Marie A. Böhm: Und was war der schönste Moment?

Susanne K.: Davon gab es einige! Aber der schönste war wohl der Nachmittag, an dem ich dir erzählt habe, wie ich heute lebe. Vor allem durch deine Fragen, durch dein Nachhaken, wurde mir so richtig bewusst, dass diese perversen Kerle vielleicht meine Kindheit kaputt gemacht haben, aber letztendlich mich selbst offensichtlich doch nicht vollkommen zerstören konnten. Obwohl es durchaus Zeiten gab, an denen ich solche Gedanken hatte. Doch an diesem Nachmittag freute ich mich einfach, dass ich trotz allem ein recht zufriedenes Leben führen darf, dass ich frei bin, und dass ich geliebt werde. Darüber macht man sich ja sonst eher nicht so konkret Gedanken. Aber als ich nach diesem Interview nach Hause fuhr, da hätte ich in der S-Bahn fast laut gelacht vor Glück, und hätte mir sogar vorstellen können, vor Freude irgendwelche fremden Menschen zu umarmen! Aber natürlich habe ich mich zusammengenommen, ich habe einfach auf mein Smartphone geglotzt und dabei pausenlos vor mich hingelächelt. Es war wunderbar! Ich war aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Und in meinem Kopf tauchte immerzu ein Satz auf: Es ist vorbei! Damit war so viel gemeint: die Interviews mit dir, mein Anteil der Arbeit am Buch, meine beschissene Kindheit, die fiesen Übergriffe der Männer, der Ekel, die Angst …

Ich fühlte mich richtig befreit. Und ich war unbeschreiblich glücklich, echt, ich war so was von glücklich, das hätte ich nicht für möglich gehalten …

Marie A. Böhm: Das klingt fantastisch! Ich freue mich mit dir und für dich. Und nun kommt ja bald Teil 2 deiner Kindheitserinnerungen bei Amazon raus: „Kindheitshölle: Vom Stiefvater verprügelt und missbraucht“. Es bleibt spannend!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert