Making-of „Kindheitshölle: Vom Vater verprügelt und missbraucht“ und „Kindheitshölle: Vom Stiefvater verprügelt und missbraucht“

Warum es viele Monate dauert, bis ein auf traumatischen Erinnerungen basierender Schicksalsbericht fertiggestellt ist …

Zurzeit schreibe ich an Teil 2 der Kindheitserinnerungen von Susanne K., die den Titel „Kindheitshölle: Vom Stiefvater verprügelt und missbraucht“ tragen werden. Bei der Gelegenheit muss ich natürlich immer mal wieder auf den bereits veröffentlichten Teil 1 blicken und damit auch auf den monatelangen Entstehungsprozess der beiden Bände der Kindheitshölle.

Susanne K. meldete sich im Mai 2018 bei mir. 1954 in der DDR geboren, hatte sie einige Monate zuvor ihren 64. Geburtstag gefeiert. Und nun wollte sie mir ihre Geschichte erzählen, die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit. Als Täter benannte sie drei Männer. In den ersten Jahren war es ihr Vater sowie ein Dorfbewohner, und später war es ihr Stiefvater.

„An meinem 65. Geburtstag möchte ich gern meine Kindheitserinnerungen als Buch in den Händen halten“, meinte Frau K. im Verlauf unserer ersten Begegnung und sah mich erwartungsvoll an.

Verstanden habe ich ihren Wunsch schon. Aber versprechen konnte ich ihr nicht, dass ich das schaffen würde.

Zum einen schrieb ich zu dieser Zeit gerade an meinen eigenen traumatischen Kindheitserinnerungen. Mein Buch „Klosterkind: Meine Mutter brachte mich ins Waisenhaus“ habe ich im Frühjahr 2019 abschließend können, es erschien im Mai bei Amazon KDP als E-Book.

Parallel dazu beschäftigte ich mich bereits über einen längeren Zeitraum mit verschiedenen anderen Interviews sowie den dazugehörigen ersten Textentwürfen, die ausnahmslos die Themen Missbrauch, Gewalt und emotionale Vernachlässigung in der Kindheit zum Inhalt hatten. Die Arbeiten dazu konnte ich übrigens aufgrund der Fülle des Stoffs bis heute nicht abschließen. Es wird somit in den nächsten Jahren noch andere dramatische Lebensberichte weiblicher Missbrauchsopfer von mir geben.

Doch zurück zu meiner ersten Begegnung mit Susanne K.: Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen beim Aufzeichnen von Autobiografien im Auftrag von Privatpersonen, wusste ich, dass vom ersten Informationsgespräch bis zur Übergabe des gedruckten Buches viele Monate vergehen können. Mitunter arbeitet man ein ganzes Jahr an so einem umfangreichen und anspruchsvollen Text.

Vom ersten Interview mit einer Gesprächspartnerin bis zur Vorlage des fertigen Manuskriptes vergehen mindestens sechs und häufig auch bis zwölf Monate.

Den Ablauf der Entstehung eines solchen Werkes könnte man in folgenden Schritten aufzeigen:

Für die Interviews plane ich ungefähr 30 Stunden ein. Manchmal sind es weniger, deutlich mehr waren es bisher noch nicht. Über welchen Zeitraum sich diese Interviews erstrecken, hängt vor allem davon ab, wie lange sich meine Gesprächspartnerin am Stück konzentrieren kann.

Kann man damit rechnen, dass wir drei, vier oder sogar fünf Stunden hintereinander Erinnerungsarbeit leisten können? Oder geraten wir bereits nach zwei Stunden, vielleicht sogar noch früher regelmäßig an Grenzen?

Wie sicher ist meine Interviewpartnerin darin, ihre dramatischen Kindheitserlebnisse wiederzugeben?

Kann sie diese bereits chronologisch aufzeichnen oder muss das Ganze noch strukturiert werden?

Wie ist ihr Erinnerungsvermögen einzuschätzen? Benötigt sie häufiger Hilfestellungen? Muss ihre Erinnerungsleistung aktiviert werden? Oder sprudeln die Episoden nur so aus ihr heraus?

Gibt es wiederholt Gedächtnislücken, sachliche Unklarheiten, Unverständliches oder so stark Verdrängtes, dass das Erzählen schwerfällt, eventuell sogar massiv ins Stocken gerät?

All das – und vieles mehr – sind Faktoren, die es erst mal herauszufinden und während der Gespräche entsprechend zu berücksichtigen gilt.

Es ist wahrhaftig nicht einfach, nach sexuellem Missbrauch ein erfülltes, ein „normales“ Leben zu führen. Aber es kann durchaus auch schon sehr schwierig sein, über diese schlimmen Erfahrungen lediglich zu sprechen.

Ich verrate hier bestimmt kein Geheimnis, wenn ich sage, dass bisher fast jedes Interview mit einer Gesprächspartnerin, die über Missbrauch und Gewalt in der Kindheit zu berichten hatte, recht tränenreich verlief und immer wieder durch Pausen unterbrochen werden musste.

Oft war es auch so, dass wir uns erst Wochen später erneut trafen, da sich die Betreffende längere Zeit psychisch nicht in der Verfassung sah, das Projekt fortzuführen.

Selbstverständlich bin ich darauf vorbereitet, dass solche Interviews problematisch ablaufen können und besondere Vorgehensweisen erfordern. Das Erarbeiten sogenannter Problembiografien ist Bestandteil einer Biografenausbildung. Ich habe mich darüber hinaus sowohl im Selbststudium als auch mithilfe einer befreundeten Psychologin weitergebildet – und das ist bis heute so. Die ausgiebige Beschäftigung mit Themen wie sexueller Missbrauch und Gewalt in der Kindheit gehört mittlerweile zu meinem täglichen Arbeitspensum. Wobei die einschlägige Literatur, die ich mir dazu besorgt habe, inzwischen fast drei laufende Meter Bücherregal füllt.

Wenn die Interviews abgeschlossen sind, beginnen die eigentlichen Schreibarbeiten.

Auf der Grundlage der Interviews, meiner schriftlichen Aufzeichnungen und oft auch zusätzlicher sachbezogener Recherchen schreibe ich den ersten Entwurf des Textes. Dieser wird anschließend mehrmals überarbeitet. Während der Überarbeitungen machen sich fast immer noch klärende Rücksprachen mit der Auftraggeberin erforderlich, bis endlich die Übergabe des fertigen Entwurfes erfolgt. Nun wird das Manuskript von der Auftraggeberin gelesen und geprüft. Gibt es Fragen, Ergänzungen, Streichungen, Änderungswünsche? All das wird von mir eingearbeitet und das Ganze danach erneut gründlich überarbeitet.

Jetzt ist es an der Zeit, das Manuskript einer Kollegin zu übergeben, die als Testleserin fungiert. Meine Testleserin arbeitet selbst als freie Autorin, Co-Autorin, Herausgeberin und Biografin.

Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, wo der Text eventuell noch schwächelt. Habe ich irgendetwas unverständlich erzählt, zu langatmig, zu knapp? An welcher Stelle könnte man noch etwas verbessern, etwas ergänzen, einen Abschnitt einfügen oder einen anderen vielleicht sogar ersatzlos streichen?

Dieser Arbeitsschritt ist nicht mit einem Lektorat gleichzusetzen. Aber er ist absolut gewinnbringend, da nach einer längeren Phase der intensiven Beschäftigung mit einem Text einer Autorin die objektive Betrachtung desselben abhanden kommen kann. Doch der „fremde Blick“ einer Kollegin kann und sollte nun die gedankliche Geschlossenheit des Textes, seine Verständlichkeit und vielleicht sogar seine spätere Wirkung auf die Leserschaft testen.

Die Hinweise meiner Kollegin werden anschließend ebenfalls eingearbeitet, letzte Arbeitsschritte sind danach das Lektorat und das Korrektorat.

Genauso passierte es mit Teil 1 der Kindheitshölle; im Mai 2019 haben wir mit den Interviews begonnen, das Buch „Kindheitshölle: Vom Vater verprügelt und missbraucht“ erschien im Dezember des gleichen Jahres.

Im Januar wurden die Interviews mit Frau K. für Teil 2 fortgesetzt; aktuell befinde ich mich in einer der letzten Überarbeitungsphasen für „Kindheitshölle: Vom Stiefvater verprügelt und missbraucht“. Es gibt noch immer einigen Klärungsbedarf mit Susanne K., aber ich gehe davon aus, dass das Buch im Juni bei Amazon KDP hochgeladen werden kann.

Am Ziel: Die Kindheitshölle von Susanne K. wird ein Buch!

Und damit ist erreicht, dass ich Frau Susanne K. zumindest kurz nach ihrem 66. Geburtstag die fertiggestellten Erinnerungen komplett übergeben werde. Wobei der Verkaufserfolg von Teil 1 und vor allem auch das große Interesse der Leserschaft, das darüber hinaus über Kindle Unlimited bekundet wurde, Susanne K. auch schon sehr gefreut haben.

Aber richtig stolz ist sie auf die positiven Rezensionen und das vor allem deshalb, weil in diesen Wortmeldungen wiederholt großes Verständnis und aufrichtige Anteilnahme der Leserinnen und Leser für das Schicksal der Frau K. zum Ausdruck gebracht wurden. Ich weiß, dieser Zuspruch hat ihr sehr gutgetan.

Mit Eintritt in ihren Ruhestand kann Frau K. nun also sagen, dass sie ihre traurigen Kindheitserlebnisse zu Papier gebracht und damit „schwarz auf weiß“ der Nachwelt erhalten hat.

O-Ton Susanne K.:

„Ich kann dieses Buch im Schrank verschließen, ich kann aber auch zu jeder Zeit darin lesen, wenn ich das möchte. Ich kann das Buch jemandem in die Hand geben und ihm sagen: ‚Sieh her, so war das damals.‘ Und ich könnte es sogar feierlich verbrennen, wenn es mir damit besser gehen würde!

Dass die Geschichte meines Missbrauchs jetzt schriftlich existiert, ist wie ein Beweisstück. Es ist sozusagen ein Indiz dafür, dass das alles wirklich passiert ist. Ja, ich wurde missbraucht! Und ich habe eine Stimme, die das sagen kann! Ich habe die Sicherheit und den Mut, es auszusprechen. Denn ich weiß, dass man mich jetzt hört. Und das tut verdammt gut.“

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